REFLEXION III – Evaluation von digitale Kompetenzen

  1. Ausgangslage

Bei uns an der Berufsschule haben wir kürzlich während einer Sitzung mit der Arbeitsgruppe ICT darüber diskutiert, welche Kompetenzen eine Lehrperson in der heutigen Zeit haben sollte (siehe auch Frage weiter unten). Wir haben uns überlegt, dass – bei uns an der Schule gilt BYOD – alle Lernenden ihre Hardware mitbringen und auch damit zurechtkommen müssen. Auch bei der Software müssen Lernende schnell alles kennen und damit arbeiten können. Um sicherzustellen, dass zeitgemässer Unterricht machbar ist, müssen auch die Lehrpersonen fit im Umgang mit Computern sein. Doch was heisst «fit» genau? Welche Minimalkenntnisse sollen/müssen Lehrpersonen mitbringen? Was ist mit Lehrpersonen, die vielleicht schon etwas älter sind, die (noch) ungeübt mit Computer und Internet sind und im Klassenzimmer (noch immer) mit Wandtafel und Buch arbeiten – ich will damit nicht sagen, dass dies nicht in Ordnung ist. Ich finde es einfach nicht optimal, wenn Lernende E-Books haben, damit arbeiten, die Lehrpersonen aber immer noch mit dem Lehrmittel in Buchform arbeiten. So kommt es nämlich vor, dass Lernende fragen, warum sie den Laptop mitnehmen sollten, wenn Lehrpersonen diesen nicht einsetzen resp. nicht mit neuen digitalen Möglichkeiten im Unterricht arbeiten.

2. Fragestellung

Ausgehend von den oben ausgeführten Überlegungen wollte ich zuerst einmal bei mir eine Standortbestimmung durchführen und stellte folgende Fragen: «Wo liegen meine digitalen Kompetenzen beim Einsatz digitaler Medien?». Weiter wollte ich herausfinden: «Eignet sich das DigCompEdu-CheckIn Tool, um meine und eben auch die Kompetenzen für andere Lehrpersonen zu evaluieren.»

3. Vorstellung des CheckIn Tools von DigCompEdu

Basierend auf dem DigCompEdu Kompetenzrahmen wurde das DigCompEdu CheckIn Tool entwickelt. Dieses Tool Lehrenden ermöglicht Lehrenden, ihre digitale Kompetenz beim Einsatz digitaler Medien im Bildungskontext zu überprüfen. Anhand von 22 Aussagen mit jeweils fünf Antwortoptionen kann jede Lehrperson ihre Stärken und Schwächen einsehen. Zusätzlich erhält man als Lehrperson eine erste Einordnung der digitalen Kompetenz entsprechend der sechs Kompetenzstufen inkl. Feedback mit Anregungen, wie die eigene digitale Kompetenz im entsprechenden Bereich weiterentwickelt werden kann. Quelle: DigCompEdu.

Sechs Kompetenzstufen / Europäischer Rahmen für die Digitale Kompetenz von
Lehrenden / DigCompEdu / 19.02.2021

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4. Eigentliche Reflexion

Durchführung Evaluation

Die Evaluation dauerte eine gewisse Zeit – ich erinnere mich nicht mehr genau, wie lange ich die verschiedenen Fragen beantworten musste. Es dauerte bestimmt ca. eine Stunden. Ideal ist, dass man Schritt für Schritt die sechs Kompetenzstufen «abarbeitet» und sich kritisch selbst beurteilen muss. Die sechs Kompetenzstufen «Berufliches Engagement», «Digitale Ressourcen», «Lehren und Lehren», «Evaluation», «Lernerorientierung» und «Förderung der digitalen Kompetenz der Lernenden» werden so systematisch bearbeitet.

Ergebnisse Evaluation

Zusammenfassung der Ergebnisse (Auszug PDF)

Einstufung anhand der sechs Stufen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (A1, A2, B1, B2, C1, C2)

Einsteigerinnen und Einsteiger (A1) hatten bisher nur sehr wenig Kontakt mit digitalen Medien und brauchen Hilfe, um ein Repertoire an digitalen Strategien aufzubauen. 

Entdeckerinnen und Entdecker (A2) haben digitale Medien für sich entdeckt und angefangen diese in ihrem beruflichen Umfeld einzusetzen, ohne jedoch einen umfassenden oder konsistenten Ansatz zu verfolgen. 

Insiderinnen und Insider (B1) setzen digitale Medien in verschiedenen Kontexten und zu unterschiedlichen Zwecken ein. Sie entwickeln ihre digitalen Strategien stetig weiter, um besser auf unterschiedliche Situationen eingehen zu können. 

Expertinnen und Experten (B2) nutzen eine Vielfalt digitaler Medien kompetent, kreativ und kritisch. Sie erweitern kontinuierlich ihr Repertoire an digitalen Praktiken. 

Leaderinnen und Leader (C1) haben ein breites Repertoire an flexiblen, umfassenden und effektiven digitalen Strategien. Sie sind eine Quelle der Inspiration für andere. 

Vorreiterinnen und Vorreiter (C2)  stellen – als Experten auf dem Gebiet – die Angemessenheit üblicher digitaler und didaktischer Praktiken in Frage. Sie entwickeln neue und innovative digitale Lehrstrategien und sind ein Vorbild für andere Lehrende.  

EINordung Evaluation

In diesem Abschnitt möchte ich auf mein Abschneiden und die sechs Kompetenzstufen eingehen und einordnen, wie ich abgeschnitten habe. Ich gehöre zu den Experten (Niveau B2), da ich 64 von möglichen 88 Punkten erreicht habe (siehe oben blau markiert).

Bereich 1 (Professionelles Engagement): Mit 12 von 16 möglichen Punkten bin ich hier sehr gut unterwegs; dies bedeutet bspw., dass ich digitale Medien nutze, um mit Kolleginnen und Kollegen innerhalb und ausserhalb meiner Bildungsorganisation zusammenzuarbeiten. Zudem entwickle ich aktiv meine digitalen Lehrfähigkeiten.

Bereich 2 (Digitale Ressourcen): In diesem Bereich erreiche ich 9 von 12 Punkten; ich könnte noch mehr Weiterbildungsangebote ausserhalb der Schule besuchen. Zudem ist es wichtig, dass ich bez. Datenschutz mein Wissen auf Vordermann bringe.

Im Bereich 3 (Lehren und Lernen) erreiche ich 12 von 16 Punkten und bin somit gut unterwegs. Das bedeutet, dass ich überlege sorgfältig, wie, wann und warum ich digitale Medien im Unterricht einsetzte, um sicherzustellen, dass sie didaktisch sinnvoll genutzt werden.

Bereich 4 (Evaluation): Hier gibt es 8 von 12 Punkten. Hier geht es darum, ob ich digitale Werkzeuge nutze, um den Fortschritt der Schülerinnen und Schüler zu überwachen. Das kann ich bestimmt noch mehr tun. Das gilt auch für digitale Rückmeldungen bei Arbeiten oder Prüfungen.

Bereich 5 (Lernerorientierung): Hier gibt es 7 von 12 Punkten. Im Fokus steht hier, dass ich allfällige Probleme praktischer oder technischer Art bei Lernenden berücksichtige und diese schon bei der Planung meines Unterrichts in den Fokus rücke. Dazu gehören Themen wie digitale Geräte, Ressourcen aller Art, Fähigkeiten, etc. In diesem Bereich kann ich mich sicher noch verbessern.

Bereich 6 (Förderung der digitalen Kompetenz der Schüler): Hier gibt es 16 von 20 Punkten. Ich bringe meinen Lernenden bspw. bei, wie man die Zuverlässigkeit von Informationen einschätzt und Fehlinformationen erkennen kann. Bei diesem Aspekt bin ich ganz gut unterwegs und bspw. bei der Behandlung des Themas «Fake News» kann ich aus dem Vollen schöpfen, da das zu meiner Expertise gehört(e), da ich früher als PR-Berater arbeitete.

ARBEIT ALS LP, MITGLIED DER ARBEITSGRUPPE ICT AN UNSERER SCHULE SOWIE ALS PICTS HEUTE und in Zukunft

Ich finde diese Analyse ein geeignetes Evaluationstool, um in kurzer Zeit ein Ergebnis zu bekommen, das einen guten Überblick gibt. Interessant ist, dass wir an unserer Schule zu viert diesen Test durchgeführt haben und allesamt «Experten» sind. Dies heisst, dass unser Wissen und unser Umgang absolut vergleichbar ist. Diese Erkenntnis passt auch zu meiner Einschätzung, dass wir in der Arbeitsgruppe ICT – bestehend aus vier IT-affinen Lehrpersonen und dem Prorektor – sehr ähnlich bez. IT-Knowhow sind. Was mich auch positiv überrascht, ist, dass das Ergebnis meiner tatsächlichen Wahrnehmung entspricht. So nehme ich mich tatsächlich als LP wahr, die bereits ein grosses Wissen im Bereich ICT hat und dieses auch einsetzt und zudem stets dazulernt. Trotzdem gibt es noch Luft nach oben in allen Bereichen. Ein ganz konkretes Ziel von mir ist nun, dass – wenn ich den Test in naher Zukunft noch einmal durchführe – schon zu den «Leadern / (= C1)» gehöre.

Was mir jetzt gerade in den Sinn kommt, ist die Bleistift-Metapher, die ich auch in der PICTS-Weiterbildung kennen gelernt habe (siehe Detailinfos hier und Schaubild folgend). Man könnte jetzt oben erwähntes Modell und diese Bleistift-Metapher vergleichen, was aber den Rahmen dieser Reflexion sprengen würde. Ich fokussiere mich auf die ‚Spitze‘ und die ‚Scharfsinnigen‘. Tatsache ist, dass man vermutlich an jeder Schule die sechs verschiedenen Typen ausfindig machen kann. Mein Ziel als PICTS ist es nun, möglichst viele Lehrpersonen dank Überzeugungsarbeit und im Sinne von «guter Arbeit voran» zu unterstützen.

Ich würde mich bei dieser Bleistift-Metapher zu den ‚Scharfsinnigen‚ zählen, da ich Neues teste, Fehler mache und verbessere und gerne tollen, abwechslungsreichen Unterricht mache. Zur ‚Spitze‚ kommt mir spontan Philippe Wampfler in den Sinn, der sehr engagiert ist und sich zu allen möglichen Themen im Bereich Digitalisierung äussert und ganz viel neu ausprobiert und andere an seinen Tätigkeiten teilhaben lässt. Was mich bspw. beeindruckt hat, ist sein Youtube-Kanal zum Thema «DigiFernunterricht»:

Folge 1 von 117 Folgen (Stand 19.02.2021)

Um bei der Bleistift-Metapher zu bleiben: Mein Ziel ist es, den Bleistift weiter zu spitzen, dass es mehr ‚Scharfsinnige‚ gibt und – idealerweise – den ‚Radierer‚ vom Bleistift zu entfernen, damit er keinen negativen Einfluss auf meine Arbeit hat. Zudem würde ich einigen Lehrpersonen, die zu den ‚Muffen‚ und ‚Anhängsel‚ gehören, den Weg zum ‚Schaft‚ aufzeigen. Natürlich ist das sehr optimistisch, vielleicht sogar utopisch!

AUSBLICK

Ich will mich unbedingt in verschiedenen Bereichen verbessern (Datenschutz, Evaluation von Tools, neuartige Prüfungsmöglichkeiten, etc.), damit ich mich als LP vorwärts entwickle. Zudem ergibt sich so die Möglichkeit, dass ich so als PICTS meinen Lehrerkolleginnen und -kollegen immer einen Schritt voraus bin und sie so beraten kann. Diese – auch in der Weiterbildung mehrfach angesprochenene – «Mehrfachrolle» resp. die Doppeldeckersituation ist für mich mehr Chance als Risiko. So lerne ich von meinen Lernenden und sie können von mir profitieren. Meine Lehrerkolleginnen und -kollegen lernen von mir und ich von ihnen. Zudem findet ein Austausch zwischen der Schulleitung und mir sowie zwischen dem Technik-Team und mir statt. Jeglicher Austausch ist für mich Bereicherung und Inspiration zugleich.

«Mehrfach-Rolle als LP und PICTS» / eigene Skizze

5. Schlussbetrachtung (Beantwortung der zwei oben genannten Fragen)

Frage 1: Wo liegen meine digitalen Kompetenzen beim Einsatz digitaler Medien?». Frage 2: «Eignet sich das DigCompEdu-CheckIn Tool, um meine und eben auch die Kompetenzen für andere Lehrpersonen zu evaluieren.»

  1. Frage 1 habe ich weiter oben schon ausführlich beantwortet und möchte nicht noch näher darauf eingehen.
  2. Bei Frage 2 bin ich – und da teile ich meine Ansicht mit der Arbeitsgruppe ICT meiner Schule – der Überzeugung, dass es eigentlich ein ganz ordentliches Tool ist, das kostenlos und schnell (= ressourcenschonend) Ergebnisse liefert. Die Frage ist nun aber, ob grundlegende Kompetenzen wie Umgang mit Word, Excel, PowerPoint, Acrobat Reader, etc. nicht eben auch evaluiert werden müssen. Hier möchte ich noch einmal das Evaluationstool der PHZH erwähnen, welches acht digitale Kompetenzen untersucht. Hier werden Office-Kenntnisse abgefragt, wobei meiner Ansicht nach das Tool viel zu umfangreich und detailliert ist. Ansatzweise ist es jedoch genau das, was ich mich vorstelle – idealerweise in Kombination mit DigCompEdu!

QUINTESSENZ

Das Thema «Evaluation der Kompetenzen von Lehrpersonen» ist spannend und zudem heikel. Man misst ja, wie gut jemand irgendwo abschneidet. Nun geht es hier nicht um Lernende, sondern um Lehrpersonen. Es kann also sein, dass Lehrpersonen eine solche Evaluation nicht wollen, da sonst offensichtlich wir, dass Kompetenzen nicht oder nur minim vorhanden sind. Die Frage nach der Weiterbildung kommt dann auch. Müssen dann Lehrpersonen mit wenig Kenntnissen Weiterbildungen gegen ihren Willen besuchen? Hat es Konsequenzen, wenn zum Beispiel ältere Lehrpersonen einfach keine Evaluation durchführen möchten resp. sich weigern, Weiterbildungen zu besuchen?

Digitale Kompetenzen und die dazugehörigen Evaluationen. Es sind und bleiben spannende Themen – vielleicht sogar in meiner Zertifikatsarbeit. To be continued…

Impressionen vom heutigen Tag (eigener Tweet) / 19.02.2021

(C) Stefan Köppli, 19. Februar 2021